Was haben die PISA Studie, Saarland 21 und GATS damit zu tun?
In den vergangenen Monaten hat eine Studie in Deutschland für viel Wirbel gesorgt: die sogenannte PISA – Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat gezeigt, dass die deutschen Schulen unterdurchschnittlich im Vergleich mit anderen Ländern abschneiden: Schlechtes Textverständnis, unzureichendes Rechnen und mangelnde Ideen, wenn es gilt, Probleme außergewöhnlich und kreativ zu lösen.
Eifrige Kommentatoren ergänzen das traurige Bild: Lustlosigkeit, Frust und Gehorsam nur aufgrund des Notendrucks breiten sich in Deutschlands Schulen aus, dazu die wachsende Gewaltbereitschaft und das Desinteresse der Eltern daran, was ihre Kinder in der Schule machen.
Vieles, was die PISA Studie aufdeckt, wurde zwar schon vorher beklagt, nur zog man in der Bildungspolitik bisher keine Konsequenzen. Oder etwa doch?
Im Saarland werden Maßnahmen in die Wege geleitet, das Abitur nach 12 Jahren abnehmen zu können (andere Bundesländer zogen nun ebenfalls das Tempo an), dafür soll schon im Kindergarten mehr gelernt werden und Studiengebühren rechtfertigen sich bei solchem Einsatz auch! Schließlich sollte einem Bildung etwas wert sein! (was nichts kostet, ist nichts wert.)
Bereits hier könnte sich der Verdacht regen, ob sich etwa in Zukunft Bildungseinrichtungen "lohnen" sollen, um damit staatliche Haushaltslöcher flicken zu können?
Angebote wird es spätestens ab Dezember dieses Jahres geben, nach dem das WTO-Abkommen "GATS" unterzeichnet worden sein könnte. Mit diesem Abkommen nämlich macht sich die Welthandelsorganisation (WTO) den Weg frei, den gesamten Dienstleistungssektor (darunter fallen auch Wasserversorgung, Bildungs- und Gesundheitswesen) dem staatlichen Zugriff zu entziehen. Damit würde die Bildung zu einer wirtschaftlichen Angelegenheit und gleichzeitig zu einer Finanzfrage, ob man sich Bildung leisten kann oder nicht.
Bildungsexperten sind sich jedoch darin einig, dass besonders nach der PISA-Studie die Schulen der Gesellschaft dienen sollen, dass also nicht tradiertes Wissen übermittelt , sondern zur Lebenstüchtigkeit erzogen werden soll. Gesellschaftliches Engagement wird somit auch schon von Schülern gefordert, indem man ihnen z. B. die Möglichkeit bietet, eine Ehrenamt zu bekleiden.
An dieser Stelle sei auch das Thema "Saarland 21" erwähnt, das im vergangenen Jahr mit groß angelegten Aktionen das Bürgerengagement propagierte. Ehrenamtliche Tätigkeiten wurden ins öffentliche Bewusstsein gerückt und die Helden des Alltags gewürdigt.
So appellierte man denn auch an die aktive Bürgersellschaft, die es zu gestalten gelte:
Da ist in der Regierungserklärung des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller vom bedrohten gesellschaftlichem Zusammenhalt die Rede, der durch Bürgerbeteiligung (Partizipation) und Mitverantwortung gestützt werden soll. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob durch die Verleihung von Ehrenämtern und die Aufmunterung zu Eigeninitiative und Tatendrang alleine die mündige Bürgergesellschaft entstehen kann!
Ist nicht gerade hier wieder die Schule gefragt, welche die kommende Generation zu freien Bürgern erzielen soll? Wie aber kann zur Mündigkeit erzogen werden? Und werden die bisherigen Schulformen die günstigen Rahmenbedingungen dafür stellen? Wenn die Schule im Sinne von GATS ein wirtschaftliches Dienstleistungsunternehmen sein wird, dann kann "Saarland 21" nur noch als "Feigenblatt einer ökonomischen Gesellschaft" dienen; denn GATS wird unser gesamtes Gemeinwesen bis in die Privatsphäre hinein darauf reduzieren, ob ich mir Gesundheit und Bildung leisten kann oder nicht, ob für mich die Müllabfuhr zu teuer ist oder nicht und ob ich mir ein Vollbad gönne oder ob ich an Trinkwasser sparen muss. Alle diese Bereiche werden dem sogenannten "Neoliberalismus" schutzlos ausgeliefert sein, der die Menschen in arme und reiche spaltet.
Um beispielsweise als Schule in freier Trägerschaft (z.B. Waldorfschulen) weiter existieren zu können, muss sie den profitablen Standards internationaler Konzerne genügen, sonst ist sie sofort aus dem Rennen.
Aber zurück zur PISA-Studie:
Bei der Frage, warum die deutschen Schulen in der PISA-Studie so schlecht abgeschnitten haben, sollte die Überlegung erlaubt sein, ob dies nicht mit der in der Verfassung verankerten Vormundschaft des Staates innerhalb des Schulwesens zu tun haben könnte.
Solange nämlich das Mitbestimmungsrecht der Bürger nicht auch in die eigenverantwortliche Gründung und Trägerschaft einer "Schule mit eigenem Profil" für ihre Kinder münden kann, ohne dass dabei behindernde Hürden in Form von Abhängigkeiten bezüglich Finanzen und staatlichen Genehmigungsreglementierungen im Wege stehen müssen, bleibt das bürgerliche Engagement auch in Sachen Schule und Bildung träge und gebremst. – Eltern interessieren sich nicht für das , was die Kinder in der Schule lernen.
Um wie vieles mehr könnte aber die Motivation (auch der Schüler!) gesteigert werden, wenn die Bürger ihre eigene Schule gemeinsam mit den Lehrern selbst verwalten dürften! Und wie viel mehr Antrieb und Wettbewerb könnte bezüglich der Unterrichtsqualität geschaffen werden, gäbe es in einer (zukünftigen) Bürgergesellschaft wirkliche Vielfalt in sich gegenseitig überbietenden Schulen! Eltern hätten endlich die Möglichkeit, unabhängig vom Schulgeld die für das eigene Kind passende Schule auswählen zu können! Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft!
In solch einer "bürgergesellschaftlichen" Umwandlung des Schulwesens könnte die Chance bestehen, bei einer künftigen "PISA-Studie" weiter vorne zu liegen und den Bildungsstandort Deutschland nachhaltig aufzuwerten. Ob das nicht auch im Sinne von "Saarland 21" sein könnte? Für eine mündige Gesellschaft hieße Innovation eben auch , die nachwachsende Generation in Freiheit erziehen zu können, denn, wie heißt es doch in der Regierungserklärung des Ministerpräsidenten Peter Müller vom 23.Mai 2001 : "Kinder der Freiheit wissen möglicherweise besser umzugehen mit der Freiheit, als die in die Freiheit entlassenen Kinder des Gehorsams".
Dazu bedarf es allerdings solcher Rahmenbedingungen, die dem Schul- und Bildungswesen die nötige Unabhängigkeit zuschreiben. Dann aber könnte freier Wettbewerb in die selbstverwaltete Schullandschaft einziehen, nachdem das "Bildungswesen in die Freiheit entlassen" wurde, wie Roman Herzog am Ende seiner berühmten Rede gefordert hatte.
Die Schulaufsichtsbehörde würde dann zu einer Rechtsaufsicht über eigenverantwortliche Einrichtungen umgewandelt und die bisherige Fachaufsicht von unabhängigen Institutionen übernommen, die für Beratung und Evaluation der pädagogischen Profilierung zuständig wären.
Die Gefahr besteht nun aber darin, dass das Schulwesen nicht in die bürgerliche Selbstverwaltung entlassen werden kann, weil es von der Wirtschaft beansprucht wird!
Ist es nicht interessant, dass die PISA-Studie von einer Organsisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit betrieben wurde? Der kapitalistische Neoliberalismus hat offenbar ein Interesse an dem "Output" der Schulen – eine gute Ausbildung dient doch auch dem Wirtschaftsstandort Deutschland...!
Ganz im Sinne von GATS geht es in der OECD-Studie um Leistung, die etwas erbringt und um das sogenannte "Humankapital". Ein gutes "Output" der Schulen lässt sich auch gut vermarkten. In Amerika ist Wissen übrigens seit einigen Jahren Investitionskapital, mit dem bereits spekuliert wird, denn "Firmen", die Bildung anbieten, tätigen profitable Geschäfte der Zukunft.
Am Beispiel der Bildung kann also deutlich werden, wie die menschliche Entwicklung aus der Staatsbürokratie in die "freie" Konkurrenz der Profitunternehmen überzuwechseln droht, ohne sich auf eigene Füße stellen zu können. Es ist beängstigend sehen zu müssen, wie sich im Vorfeld der GATS-Unterzeichnung im kommenden Dezember ein gegenseitiges Zuarbeiten zwischen Politik und Wirtschaft vollzieht, das sicherlich nicht der mündigen Bürgergesellschaft dient!
Aber gerade deshalb ist es notwendig, in dieses duale Kräftespiel für den freien Bürger eine dritte Kraft zu schaffen, welche die Belange des kulturellen Lebens selbst verwaltet und z. B. Schulen selbst organisieren kann.
Das heißt aber auch, dass sich die Schulen in freier Trägerschaft aktiv dort einbringen, wo es um die Zukunft der Bildungspolitik geht. So fordert z.B. der saarländische SPD-Politiker Heiko Maas ein "Bündnis für Bildung", zu dem Schüler, Eltern und Lehrer eingeladen werden – hier bestünde eine Chance, die Gesichtspunkte der Selbstverwaltung mit einfließen zu lassen.
So könnte die PISA-Studie zum Anlass genommen werden, "Saarland 21" und die Bildungspolitik miteinander zu verknüpfen. Auf beiden Gebieten empfindet sich das Saarland als Vorreiter , nur haben beide bisher wenig miteinander zu tun. Es wäre denkbar, dass das kleine Saarland nun auch in Fragen der "Bürgergesellschaft-Erziehung" eine Vorreiterrolle übernehmen könnte, denn um die Erziehungsfrage kommt eine künftige Bürgergesellschaft einfach nicht mehr herum!
Um solche und ähnliche Fragen soll es auch auf der Tagung im VHS-Zentrum Saarbrücken gehen, die am 25/26. Mai 2002 stattfindet und den Titel trägt: "Die zivile Bürgergesellschaft als dritte Kraft neben Politik und Wirtschaft".
Christian Moos